Auclair – Simon vom Fluss – Gesamtausgabe Band 1 (Comic)


Auclair – Simon vom Fluss – Gesamtausgabe Band 1 (Comic)

Obwohl knapp 50 Jahre vergangen sind seit die “Ballade vom Rotschopf” als Fortsetzungscomic im französischen Tintin-Magazin erschienen ist, sind die Geschichten von “Simon vom Fluss” immer noch aktuell. Zeichner und Texter Claude Auclair, der die Ballade, für die Erbin zu offensichtlich, Jean Giono und seinem Roman “Le sang du Monde” (“Das Lied der Welt”) gewidmet hat, entwirft ein postapokalyptisches Szenario, bildgewaltig und mit poetischen Texten versehen.
“Die Ballade des Rotschopfs” ist als Beginn der neu erscheinenden Gesamtausgabe im ursprünglich geplanten Schwarz-weiß gehalten. Bilder von urwüchsiger Kraft, keine filigranen Pinselzeichnungen. Auclair entwirft rurale Panoramen und porträtiert seine Protagonisten in effizient strukturierten Panels fast hautnah.

Simon vom Fluss ähnelt mehr Jeremiah Johnson als Clint Eastwoods namenlosem Fremden. Es existieren Ähnlichkeiten, Simon ist ein schweigsamer Einzelgänger, der in der Wildnis lebt und sich ein ums andere Mal in die (Un)-Geschicke seiner Mitmenschen verwickeln lässt. In der “Ballade des Rotschopfs” begleitet er den Vater des Rotschopfs auf der Suche nach seinem Sohn, der sich nach langwieriger Odyssee als Anführer eines Aufstands gegen “die Herren” entpuppt. Die von einer Frau angeführt werden. Die Ballade ist Klassenkampf pur, angesiedelt in einer fast zerstörten Welt, die nach Wildem Westen aussieht, im weiteren Verlauf aber um industrielle und militärische Komplexe angereichert wird, die weit über ein alternatives 19. Jahrhundert hinausreichen.

Mitunter entsteht der Eindruck, dass die Schöpfer von “The Walking Dead” sehr genau bei Simon hingeschaut haben. Die Western-Aspekte sind indes näher bei Sydney Pollack und Sam Peckinpah als bei der zynischen italienischen Variante, die Auclair, der begeisterte Kinogänger, nach eigenem Bekunden nicht sehr mochte.
“Die Ballade des Roschopfs” ist die Geschichte einer geglückten Revolution, die mit dem jungen Rotschopf einen Hoffnungsträger aufzuweisen hat, der die marode Gesellschaft vielleicht in eine positivere Zeit ohne Unterdrückung leiten kann.

Das wird im “Clan der Zentauren” allerdings brutal und in Farbe revidiert. Zu Beginn gerät Simon in die Gefangenschaft der “Zentauren”, kann sich jedoch zum wichtigen Teil der Gemeinschaft mausern. Alles könnte vorerst gut sein, wenn da nicht Igaal wäre, ein junger Stammesführer, der Simon eifersüchtig belauert. Er hat allen Grund dazu, denn Simons Verhältnis zur schönen Mercedes geht über eine platonische Freundschaft hinaus. Es kommt zu einem Duell zwischen Igaal und Simon, das der Mann vom Fluss verliert. Er wird der Gemeinschaft verwiesen und nimmt sein einsames Nomadenleben wieder auf. Was sich als glückliche Fügung entpuppen wird. Denn die Siedler werden von schwer bewaffneten Militärs überfallen, niedergemetzelt oder versklavt. Simon begegnet Mercedes wieder und macht sich auf die Suche nach den Verschleppten.

Er findet sie als Arbeitssklaven in einer riesigen Fabrikanlage wieder, eingekerkert von bewaffneten und brutalen Sklavenhaltern mit militärischer Ausrüstung. Simon entwirft einen Plan zur Befreiung, der mit Hilfe einiger Ausbrecher, einer mutigen Frau und der Solidarität der Eingekerkerten in die Tat umgesetzt wird. Der Kampf gerät um einiges brutaler als noch in der “Ballade des Rotschopfs”, die mit Gewaltspitzen ebenfalls nicht geizte. In einem hervorragend In Szene gesetzten Bilderquartett tötet Simon berserkerhaft eine Wache. Trotz wachsenden Ekelgefühls, räsoniert er: “Es musste sein.” Die Befreiung gelingt, am Ende kommt es zu einer versöhnlichen Wiederbegegnung mit Igaal, der, mit kurzgeschorenem Haar, zu den Sklaven gehörte. Simon zieht suchend weiter, Igaal plant einen gemeinschaftlichen Neuanfang.

Je bunter Auclairs Bilder werden, umso finsterer werden seine Visionen. Während “Der Clan der Zentauren” zumindest partiell noch von friedlichem Zusammenleben erzählt, gleicht “Die Sklaven” einem Abstieg in die Hölle. Die Industrieanlage zeichnet Auclair als brodelnden Moloch, der die gefangenen Arbeitskräfte, auch aufgrund der missbräuchlichen und gewalttätigen Wächter in den Abgrund reißt. So überwiegt beim abschließenden Aufstand auch der Aspekt des Gemetzels, der die Hoffnung auf ein besseres Leben nur auf ganz kleiner Flamme lodern lässt.

Die Umstände, die zur Apokalypse führten, werden nicht breit ausgearbeitet, klar wird nur, dass ein Teil der Menschheit aus dem Treiben, das zur Zerstörung führte, nichts gelernt hat. Simon besitzt zwar eine Laserwaffe, die ihm Macht verleihen würde, die er aber nur ganz selten einsetzt. Doch seine Kontrahenten gehen ganz anders mit der verfügbaren Waffengewalt um.

Das lässt sich als Kommentar zum 1975 in den letzten Zügen liegenden Vietnamkrieg lesen, wie auch als Statement zum Kampf einer verlorenen Generation gegen imperialistische “Herren”. Auclair setzt das in atemberaubende Bilder um, in der Landschaften, Flora, Fauna, Architektur, die Welt des Unbelebten ihren ganz eigenen Charakter bekommen, der von den Menschen geprägt ist, die in der jeweiligen Umgebung leben.

Der düstere, gewalthaltige Stoff war eine Herausforderung für das “Tintin”-Magazin und seine Leserschar. Patrick Gaumer geht in seinem kenntnisreichen biographischen Dossier genauer auf Verlags- und Wirkungsgeschichte ein. Ergänzt wird das Dossier um ein ebenfalls sehr gelungenes Vorwort von Andreas C. Knigge. Wie üblich empfiehlt sich die Lektüre der beiden Texte aber erst nach Beendigung der graphischen Novels. Denn das sind Auclairs Werke die auf den Erzähltext genauso viel Wert legen wie auf aussagekräftige Zeichnungen. Die Doppelung des Bildes durch den begleitenden Text gibt dem Comic einen ganz eigenen, hypnotischen Flow, der Simons Kämpfe umso eindringlicher wirken lässt.

Das ist großartige Kunst, vorbildlich editiert von Cross-Cult. Viel besser kann man dies nicht machen. Ganz hohe Empfehlungsstufe.

Cover und Bilderstrecke © Cross Cult

  • Autor: Claude Auclair
  • Titel: Simon vom Fluss
  • Teil/Band der Reihe: Gesamtausgabe Band 1
  • Übersetzer: Paul Derouet, Andreas C. Knigge
  • Verlag: Cross Cult
  • Erschienen: 22.11.2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 186
  • ISBN: 978-3-96658-532-3
  • Sprache: Französisch
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 14/15 dpt


1 Kommentar
  1. Schöne Rezension. Mich haben diese 3 Integrale-Bände zu einem Auclaire-Fan gemacht. Die Bände sind toll produziert, aber es ist die Vielschichtigkeit von Simons Charakter und sein Nachdenken über Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt, die sehr ansprechend sind. Interessant ist auch der Drahtseilakt des Künstlers zwischen einer schonungslosen Darstellung einer post-apokalyptischen Welt, während er gleichzeitig gekonnt die exploitative Obszönität umgeht, die z.B. eine Verfilmung heute ausschöpfen würde. Wie im zweiten Band, als Simon bei zwei einsamen Frauen, die Mutter und Tochter sind, Unterschlupf findet und beide sichtlich von ihm eingenommen sind – und trotzdem schafft es Auclaire dabei jegliche Schlüpfrigkeit zu umgehen. Als Künstler muss man es nicht immer so machen – aber ab und an kann man sich davon (gerade heute) eine Scheibe abschneiden.

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