Der Literaturpodcast „Autorinnen im Porträt“ rückt in jeder Episode eine Schriftstellerin in den Fokus. Dabei schauen wir auf das Leben der Autorin und auf ihr Werk. Wer wir sind? Mariann Gáborfi und Sarah Teicher aus Leipzig. Wir sind auch Redakteurinnen bei Booknerds.de und haben deshalb beschlossen, zu dem im März 2022 gegründeten Podcast eine begleitende Kolumne zu schreiben. (Alle Folgen der Kolumne im Überblick.)
Toni Morrison wurde im Februar 1931 als Chloe Ardelia Wofford in Ohio geboren. Sie las als Kind bereits übermäßig gern und viel, studierte später amerikanische Literatur und arbeitete neben dem Schreiben als Lektorin bei Random House, bevor sie später selbst als Dozentin für Literatur an der Harvard University unterrichtete. Als achte Autorin wurde ihr im Jahr 1993 der Nobelpreis für Literatur verliehen – als erster und bisher einziger Afroamerikanerin überhaupt. Und ganz ehrlich: Das ist der einzige Grund, weshalb man ihren Namen schon einmal gehört hat, oder? Paradoxerweise ist dann meist auch Schluss mit der Kenntnis über die Autorin, zumindest in meiner Literatur-Bubble: In Blogs, Magazinen und sozialen Medien spielt Toni Morrison meines Eindrucks nach aktuell keine Rolle. Hin und wieder ein Zitat oder eine Referenz, das war’s. Und da ich mich hier ehrlicherweise selbst nicht von dieser Unkenntnis ausnehmen konnte, hatte ich direkt eine Grund, Toni Morrison zu meiner Autorin im Porträt für die Podcastfolge im November 2024 zu machen und endlich in ihre Bücher einzutauchen. Ist ihre Literatur schwer zugänglich? Worüber schreibt sie und warum hat man den Eindruck, dass sie heute kaum noch gelesen wird? Es war endlich an der Zeit, die Literaturnobelpreisträgerin besser kennenzulernen!
Hier findet ihr die Folge bei Podigee.
In den 1970er Jahren eröffnet Toni Morrison der Weißen Leser*innenschaft eine völlig neue Welt: Die zentralen Figuren ihrer Romane sind afroamerikanische Frauen, die in ihrer Realität ums Überleben kämpfen. Rassismus, Machtgefälle und Armut sind zentrale Themen. Für unseren Podcast habe ich mir den Roman “Sula” aus dem Jahr 1973 ausgesucht, der auf Deutsch (in der Übersetzung von Karin Polz) 1980 erschien. Ich war gefesselt von der ersten Seite an: Außergewöhnliche, crazy Charaktere, Leid, Gewalt, derber Humor und poetische Sprache – dieser Roman um die weibliche Hauptfigur Sula, ihre Familie und Freundin Nel hatte Alles. Für mich eine bahnbrechende literarische Entdeckung! (Und das nach einem abgeschlossenen Studium der germanistischen Literaturwissenschaft im stolzen Alter von 37 Jahren. Besser spät als nie.)
“Love” erschien bei uns 2004, also nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des Originals in der Übersetzung von Thomas Piltz. Mit diesem Roman hatte ich Anfangs meine Schwierigkeiten, da die Erzählperspektiven sehr oft wechseln und erst nach und nach klar wird, wer erzählt und wie die Figuren zusammenhängen. Der Plot erstreckt sich dabei über mehrere Generationen einer Familie und deckt etwa 100 Jahre ab. Der jüngste Handlungsstrang spielt in der Heutezeit. Setting ist ein Strandhotel, sein afroamerikanischer Eigentümer, dessen Familie und Ehefrau. Teilweise entsetzliche Szenen voller Brutalität – aber nach und nach wird klar: Auch hier haben die Frauen am Ende die Zügel in der Hand. Die Übersetzung fand ich hier leider stellenweise nicht so gelungen – darüber erzähle ich im Podcast mehr.
Um meinen ersten Eindruck abzurunden, las ich neben den beiden Roman auch ein kleines Büchlein mit Vorträgen von Toni Morrison: “Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur”. Das 2018 auf Deutsch erschienene Büchlein von Rowohlt enthält Vorlesungen, die Toni Morrison im Sommer 2016 in Harvard hielt – 3 Jahre vor ihrem Tod im August 2019. Die Autorin verknüpft in diesen Vorträgen persönliche Erfahrung mit Hintergründen aus dem Literaturbetrieb und politischen Ereignissen in Amerika: Im Sommer 2016 wurde Donald Trump erstmalig Präsident der USA. Beim heutigen Lesen bekommt man ein trauriges Déjà-Vu-Gefühl … Ein bereicherndes Lese-Erlebnis.

Kurzum: Ich habe keinen Grund entdeckt, der uns davon abhalten sollte, zu einem Buch von Toni Morrison zu greifen – ganz im Gegenteil: Einmal gelesen, für immer unvergessen. Poetisch, schonungslos und auf jeden Fall für alle, die ihren Weißen, europäischen Horizont erweitern wollen. Eine starke Stimme, die aus der Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Erfreulich: Rowohlt hat vor einiger Zeit begonnen, die Romane von Toni Morrison neu zu verlegen:
Wenn ihr mehr über Toni Morrison erfahren wollt, dann hört gern in unsere Podcastfolge rein! In den Shownotes erfahrt ihr auch, welche Quellen Mariann und ich für unsere Recherche genutzt haben.
Wir freuen uns immer über euer Feedback auf Instagram oder Facebook. Dort findet ihr auch Rätsel zu den Autorinnen, Reels und Einblicke in das Leben eurer Lieblingspodcasterinnen.
Ganz aktuell: Bis zum 15. April könnt ihr auf Instagram noch bei unserem Gewinnspiel mitmachen und ein Buchpaket von ausgewählten Autorinnen gewinnen! Das solltest ihr auf keinen Fall verpassen …
Viele Frühlingsgrüße und bis zum nächsten Mal!
eure Sarah